Was wir tun, wenn keine Kamera dabei ist
Unsere Arbeit besteht zu einem großen Teil aus Organisation, nicht aus Reden. Jemand muss den Raum buchen, den Termin mit drei Gemeinden abstimmen, das Catering nach den jeweiligen Speiseregeln planen und hinterher aufräumen. Genau dieser unspektakuläre Teil entscheidet darüber, ob eine Begegnung stattfindet oder nicht. Wir sind ehrenamtlich organisiert, arbeiten in kleinen Gruppen an verschiedenen Orten und stimmen uns mit lokalen Partnern ab, weil zentrale Planung in diesem Feld selten funktioniert. Wer bei uns mitmacht, sollte kein Podium erwarten, sondern Aufgaben. Dafür sieht man ziemlich schnell, ob etwas Wirkung hat.
Veranstaltungen und Formate
Am besten funktionieren kleine Runden mit fünfzehn bis dreißig Menschen, in denen man einander unterbrechen kann. Wir laden zu Gesprächsabenden ein, bei denen ein Thema durch zwei Perspektiven erschlossen wird, etwa Beschneidung, Trauerrituale, Speisegesetze oder der Umgang mit dem Nahostkonflikt am Küchentisch. Dazu kommen Führungen, bei denen eine Gruppe morgens eine Synagoge und nachmittags eine Moschee besucht und abends darüber diskutiert. Rund um den 27. Januar beteiligen wir uns an Gedenkveranstaltungen und bringen dort Perspektiven ein, die im deutschen Gedenkbetrieb sonst fehlen. Größere Fachtagungen machen wir selten und dann gemeinsam mit anderen Trägern, weil sie viel Kraft kosten. Aktuelle Termine geben wir über unsere Mitgliederliste und über die Kanäle der Türkischen Gemeinde in Deutschland bekannt.
Ein Format, das wir besonders schätzen, sind Gespräche mit Nachkommen. Es gibt Familien, deren Großeltern 1944 auf Rhodos gerettet wurden, und es gibt Familien in der Türkei, in denen die Erinnerung an dieselben Ereignisse ganz anders weitergegeben wurde. Wenn diese Menschen im selben Raum sitzen, entsteht etwas, das kein Vortrag herstellen kann. Solche Abende bereiten wir lange vor, weil sie schiefgehen können. Wir sprechen vorher mit allen Beteiligten über Grenzen, über Themen, die nicht angesprochen werden sollen, und über den Ablauf. Diese Vorarbeit sieht niemand, sie ist aber der Unterschied zwischen einer gelungenen und einer verletzenden Veranstaltung.
Schule und Jugendarbeit
Lehrkräfte melden sich meistens mit einem konkreten Problem. In einer Klasse ist eine antisemitische Bemerkung gefallen, ein Projekttag steht an, oder eine Gedenkstättenfahrt soll vorbereitet werden. Wir kommen dann in die Schule, arbeiten mit der Klasse an einer konkreten Biografie und lassen die Jugendlichen selbst recherchieren. Die Geschichte von Selahattin Ülkümen eignet sich dafür gut, weil sie kein moralisches Urteil vorwegnimmt, sondern eine Entscheidungssituation beschreibt. Was hätten Sie getan, wenn Sie hinter diesem Schreibtisch gesessen hätten, und was hätte es Sie gekostet? Solche Fragen erzeugen echte Diskussionen, während Betroffenheitspädagogik meist nur Schweigen erzeugt. Wir arbeiten dabei ohne Schuldzuweisung an einzelne Gruppen, was uns gelegentlich Kritik einbringt, aber die Klassen bei der Stange hält.
Fehler, die wir selbst gemacht haben
Der häufigste Fehler in der Dialogarbeit ist die Symbolveranstaltung. Man lädt Funktionsträger ein, alle sagen freundliche Sätze, die Presse fotografiert einen Händedruck, und am nächsten Tag ist nichts anders. Wir haben solche Termine mitgemacht und dabei viel Zeit verloren. Der zweite Fehler ist die Vermeidung von Konflikten. Wenn man Nahost, Israelkritik und Verschwörungserzählungen konsequent aus dem Programm hält, damit der Abend harmonisch bleibt, verlieren die Teilnehmenden das Vertrauen in das Format. Der dritte Fehler ist zu große Eile: Ein einzelner Workshop verändert wenig, drei Treffen über ein halbes Jahr verändern viel. Und schließlich haben wir gelernt, dass es einen Unterschied macht, wer einlädt. Kommt die Einladung von einer Behörde, kommen andere Leute, als wenn sie aus der Nachbarschaft kommt.
Was passiert, wenn man diese Arbeit ganz sein lässt, sieht man in Städten ohne solche Strukturen. Dort eskalieren Konflikte schneller, weil niemand die Telefonnummern hat, um zu deeskalieren. Dort bleibt nach einem Übergriff auf eine Synagoge oder eine Moschee jede Gemeinde für sich, und die öffentliche Debatte wird von Leuten geführt, die keine der beiden Seiten kennen. Dialogarbeit ist deshalb keine Nettigkeit, sondern eine Vorsorgemaßnahme. Sie kostet wenig Geld und viel Geduld, und sie zahlt sich in genau den Momenten aus, in denen es ernst wird.
Publikationen und Material
Wir stellen Texte, Chroniken und Materialsammlungen zur Verfügung, die Sie im Unterricht oder in der Gemeindearbeit verwenden können. Dazu gehören Kurzbiografien unserer beiden Namensgeber, eine Zeittafel zur Deportation aus dem Dodekanes und Hinweise auf Archive, Gedenkstätten und wissenschaftliche Literatur. Wir schreiben außerdem Beiträge für Gemeindeblätter und stehen Redaktionen für Auskünfte zur Verfügung, allerdings nur zu Themen, bei denen wir tatsächlich Fachwissen haben. Wenn Sie Material für eine Gedenkveranstaltung brauchen, melden Sie sich rechtzeitig, denn ehrenamtliche Strukturen sind langsam. Eine kurze E-Mail mit Anlass, Datum und Zielgruppe genügt für den Anfang.
Mitmachen, unterstützen, Kontakt
Sie können bei uns Mitglied werden, unabhängig von Ihrer Religion oder Herkunft. Ein Teil unserer aktiven Leute ist weder jüdisch noch muslimisch, sondern schlicht an dieser Geschichte interessiert. Wir brauchen Menschen, die Veranstaltungen mitorganisieren, Texte redigieren, übersetzen, Räume vermitteln oder einfach regelmäßig kommen. Spenden helfen uns bei Reisekosten, Druck und Technik, und da wir keine hauptamtliche Geschäftsstelle unterhalten, geht praktisch alles in die Projekte. Schreiben Sie uns an [email protected] und sagen Sie kurz, was Sie mitbringen und wo Sie wohnen. Wer sich vorher einlesen möchte, findet den historischen Rahmen unter Yitzhak Sarfati und eine Einordnung unserer Arbeit auf der Startseite.