Erinnerung
Wir halten die Geschichte der Rettung auf Rhodos und der zerstörten sephardischen Gemeinden präsent, in Gedenkstunden am 27. Januar, in Ausstellungen und in Beiträgen für Gemeindeblätter und Schulmaterialien.
Türkisch-jüdischer Freundschaftsverein · gegründet 2004 in Köln
Wir sind ein Verein von türkeistämmigen und jüdischen Menschen in Deutschland. Unsere Arbeit lebt von einer Beziehung, die weit älter ist als die Bundesrepublik: von jüdischem Leben im Osmanischen Reich, von einem Konsulat auf Rhodos im Sommer 1944 und von Nachbarschaften, die es heute in Köln, Berlin und Hannover gibt.
Der türkische Generalkonsul stellte Pässe aus, die eigentlich niemandem zustanden, und holte damit rund vierzig Menschen aus einem Transport nach Auschwitz. Seine Frau Mihrinissa überlebte die Folgen nicht.
Der Oberrabbiner der osmanischen Hauptstadt schrieb an die verfolgten Gemeinden Mitteleuropas und lud sie ein, in ein Reich zu kommen, in dem Juden Synagogen bauen und Handel treiben durften.
Über uns
Die Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft e.V. wurde 2004 in Köln von deutschen Juden und türkeistämmigen Deutschen gegründet. Der Anlass war banal und wichtig zugleich: Zwei große Minderheiten lebten seit Jahrzehnten in denselben Stadtteilen, schickten ihre Kinder auf dieselben Schulen und redeten trotzdem kaum miteinander. Über den jeweils anderen wusste man das, was in Zeitungen stand, und das war selten schmeichelhaft. Wir wollten daraus etwas Praktisches machen, keine Sonntagsreden. Seit November 2023 sind wir Mitgliedsverein der Türkischen Gemeinde in Deutschland, was unsere Arbeit an vielen Stellen anschlussfähiger macht. Wer uns bei einer Veranstaltung erlebt, merkt schnell, dass hier nicht zwei Institutionen verhandeln, sondern Leute, die sich kennen.
Unser Ausgangspunkt ist historisch, unser Auftrag ist gegenwärtig. Die türkisch-jüdische Beziehung hat Kapitel, die kaum jemand kennt: sephardische Gemeinden in Saloniki, Izmir und Istanbul, Ladino als Alltagssprache über Jahrhunderte, Rabbiner, die osmanische Sultane berieten. Es gibt auch die dunklen Kapitel, die wir nicht auslassen, etwa die Vermögenssteuer Varlık Vergisi von 1942 oder das Pogrom von Istanbul 1955. Beides gehört zusammen, und beides erzählen wir. Erinnerung, die nur die schönen Teile mitnimmt, hält keiner ernsthaften Nachfrage stand. Genau deshalb arbeiten wir mit Quellen, mit Zeitzeugenberichten und mit Historikerinnen, statt mit Stimmungen.
Im Alltag heißt das: Wir organisieren Gesprächsabende, begleiten Schulklassen, laden zu Gedenkstunden ein und beantworten sehr viele Anfragen von Lehrkräften, Journalistinnen und Gemeinden. Wir sind ehrenamtlich organisiert und deshalb nicht immer schnell, aber wir antworten. Wenn Sie mit uns arbeiten wollen, schreiben Sie uns. Wenn Sie erst einmal lesen wollen, fangen Sie bei unseren beiden Namensgebern an. Danach ergibt der Rest unserer Arbeit von selbst mehr Sinn.
Arbeitsfelder
Wir halten die Geschichte der Rettung auf Rhodos und der zerstörten sephardischen Gemeinden präsent, in Gedenkstunden am 27. Januar, in Ausstellungen und in Beiträgen für Gemeindeblätter und Schulmaterialien.
Wir bringen jüdische Gemeinden, Moscheegemeinden, alevitische Vereine und städtische Initiativen an einen Tisch. Nicht als Symbolakt, sondern in kleinen Runden, in denen auch Streit ausgehalten wird.
Wir arbeiten mit Schulen, Jugendzentren und Lehrkräften an einem Thema, das viele scheuen: Antisemitismus in migrantischen Milieus und Rassismus gegen Muslime, sachlich und ohne Generalverdacht.
Themen dieser Seite
Der Diplomat, der 1944 auf Rhodos gegen Anweisungen handelte, dafür Frau und Stellung verlor und 1989 als Gerechter unter den Völkern anerkannt wurde.
Biografie lesen → Namensgeber IIEin Brief aus Edirne, der Juden aus dem Heiligen Römischen Reich ins Osmanische Reich rief, und die Jahrhunderte, die daraus wurden.
Geschichte lesen → Historischer OrtWie eine über 2.000 Jahre alte jüdische Gemeinde in wenigen Wochen verschwand, mit Zeittafel, Zahlen und den Spuren, die heute in der Altstadt geblieben sind.
Chronik lesen → Unsere PraxisVeranstaltungsformate, Schulbesuche, Publikationen und die Fehler, die wir in zwanzig Jahren Dialogarbeit selbst gemacht haben.
Arbeit ansehen →Partner & Empfehlungen
Unsere ehrenamtliche Arbeit wird von Betrieben und Projekten unterstützt, die uns bei Räumen, Material und Technik entgegenkommen. Hier finden Sie die Adressen, auf die wir gerne verweisen.
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Manchmal fragt uns jemand, wozu es diesen Verein überhaupt braucht. Die Antwort fällt leichter, wenn man sich anschaut, was passiert, wenn niemand die Verbindung hält. Jüdische Gemeinden in Deutschland erleben seit Jahren wachsende Bedrohungslagen, und ein Teil der Sorge richtet sich auf muslimisch geprägte Milieus. Gleichzeitig erleben Menschen mit türkischem Namen Ablehnung auf dem Wohnungsmarkt, in Bewerbungsverfahren und in Kommentarspalten. Beide Gruppen sitzen in derselben Stadt und lesen übereinander vor allem Schlagzeilen. Ohne Orte, an denen man sich begegnet, bleibt es dabei, und Misstrauen wächst schneller als Vertrauen.
Unsere Erfahrung nach zwanzig Jahren ist ziemlich unspektakulär: Es funktioniert, wenn Menschen etwas gemeinsam tun, und es funktioniert schlecht, wenn sie nur übereinander sprechen. Ein Podium mit vier Funktionsträgern verändert wenig. Eine Schulklasse, die morgens eine Synagoge und nachmittags eine Moschee besucht und danach zwei Stunden über das Gesehene diskutiert, verändert mehr. Wir haben gelernt, dass die guten Gespräche selten dort entstehen, wo Kameras stehen. Sie entstehen beim Aufbauen der Stühle, beim Essen danach, bei der Fahrt zurück. Deshalb bauen wir unsere Formate lieber klein und wiederholbar als groß und einmalig.
Der zweite Punkt betrifft die Geschichte. Wer über Antisemitismus in Deutschland spricht, spricht meist über deutsche Täterschaft, und das ist auch richtig so. Was dabei untergeht, ist die Erfahrung von Menschen, deren Familien aus Anatolien, dem Balkan oder der Ägäis kommen. Für sie ist die Schoa etwas, das anderen zugestoßen ist. Genau hier hilft die Geschichte von Selahattin Ülkümen. Sie zeigt einem türkischen Jugendlichen, dass jemand mit seinem Namen und seiner Sprache in dieser Geschichte vorkommt, und zwar auf der Seite derer, die gehandelt haben. Das ist kein Trostpflaster, sondern ein Zugang, der Türen öffnet, wo Belehrung nur Widerstand erzeugt.
Dasselbe gilt in die andere Richtung. Viele jüdische Gemeindemitglieder in Deutschland stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und haben mit osmanisch-sephardischer Geschichte wenig Berührung. Wenn sie hören, dass ein Rabbiner aus Edirne im 15. Jahrhundert Verfolgte aus deutschen Städten eingeladen hat, ordnet sich manches neu. Es entsteht kein Kitsch daraus, und wir behaupten auch nicht, dass alles harmonisch war. Es entsteht ein größerer Rahmen, in dem sich heutige Konflikte anders besprechen lassen.
Bleibt die unangenehme Frage, was passiert, wenn man diese Arbeit nicht macht. Dann übernehmen andere die Deutung, und zwar meistens die, die am lautesten sind. Dann wird aus jedem Nahostkonflikt sofort ein Konflikt zwischen Nachbarn in Duisburg oder Berlin. Dann fehlen im entscheidenden Moment die Telefonnummern, die man braucht, wenn eine Synagoge beschmiert oder eine Moschee angegriffen wird. Solche Verbindungen entstehen nicht in der Krise, sie müssen vorher da sein. Deshalb machen wir weiter, auch in Jahren, in denen die Stimmung schwierig ist und die Einladungen seltener werden. Mehr über unsere Formate finden Sie unter Dialog und Bildung, den historischen Hintergrund unter Rhodos 1944.