Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft Türkisch-Jüdische Gesellschaft e.V.

Namensgeber I · 1914–2003

Selahattin Ülkümen und die Pässe, die es eigentlich nicht geben durfte

Ein dreißigjähriger Diplomat, ein deutscher Inselkommandant und ein Stapel Formulare. Was im Juli 1944 auf Rhodos geschah, ist einer der wenigen Fälle, in denen konsularische Bürokratie Menschenleben gerettet hat.

Der Mann, nach dem unser Verein zur Hälfte benannt ist

Selahattin Ülkümen kam am 14. Januar 1914 in Antakya zur Welt, damals noch osmanisches Gebiet, heute türkische Provinz Hatay. Er studierte in Ankara und Istanbul, trat in den diplomatischen Dienst ein und wurde 1943 zum Generalkonsul auf Rhodos ernannt. Die Insel gehörte seit 1912 zu Italien, lag aber kulturell und sprachlich noch tief im osmanischen Erbe. Nach dem Waffenstillstand Italiens im September 1943 übernahmen deutsche Truppen die Kontrolle über den Dodekanes. Damit saß ein junger Vertreter eines neutralen Staates plötzlich in einem von der Wehrmacht besetzten Gebiet, mit einem Konsulat, ein paar Mitarbeitern und einer Zuständigkeit, die auf dem Papier eng gefasst war. Er war dreißig Jahre alt, verheiratet, und seine Frau Mihrinissa erwartete ein Kind.

Rhodos im Juli 1944

Die jüdische Gemeinde der Insel war eine der ältesten des Mittelmeerraums und zählte kurz vor der Besetzung noch rund 1.700 Menschen. Am 18. Juli 1944 erging der Befehl, dass sich alle jüdischen Männer bei der deutschen Kommandantur melden sollten, angeblich zur Registrierung. Am nächsten Tag kamen die Frauen und Kinder dazu, und danach war klar, dass es um mehr ging als um Papiere. Innerhalb weniger Tage wurden die Menschen im alten Judenviertel zusammengetrieben und auf Schiffe gebracht. Über Kos ging es nach Piräus, von dort mit der Bahn nach Auschwitz-Birkenau. Wer sich die Zeittafel auf unserer Seite zu Rhodos 1944 ansieht, erkennt das Tempo: Zwischen dem ersten Aufruf und der Ankunft im Vernichtungslager lagen keine vier Wochen.

Ülkümen erfuhr davon, weil Bekannte an die Tür des Konsulats klopften. Er suchte das Gespräch mit dem deutschen Inselkommandanten, dem General Ulrich Kleemann, und trug ein Argument vor, das juristisch klang und politisch gemeint war. Die Türkei sei neutral, ihre Staatsbürger unterlägen nicht deutschen Maßnahmen, und das türkische Recht kenne keine Unterscheidung nach Religion. Er verlangte deshalb die Freilassung aller Personen, die er als türkische Staatsangehörige führte. Das Gespräch war nicht freundlich, und Ülkümen drohte am Ende mit einer Meldung nach Ankara. Genau diese Drohung wirkte, weil Berlin an einem Bruch mit der Türkei zu diesem Zeitpunkt kein Interesse hatte.

Der Trick mit dem Staatsangehörigkeitsrecht

Was Ülkümen dann tat, war strenggenommen Urkundenfälschung. Tatsächlich besaßen nur etwa dreizehn bis fünfzehn Menschen auf seiner Liste einen gültigen türkischen Pass. Viele andere hatten ihre osmanische beziehungsweise türkische Staatsangehörigkeit längst verloren, weil sie Fristen versäumt oder sich in Italien hatten einbürgern lassen. Er nahm sie trotzdem auf. Zusätzlich berief er sich darauf, dass Ehepartner türkischer Staatsbürger nach türkischem Recht ebenfalls als Staatsbürger gelten, und dehnte das auf Kinder, Schwiegereltern und in einzelnen Fällen auf ganze Haushalte aus. Die Überlebende Matilda Turiel hat später beschrieben, wie er Namen ergänzte, von denen alle Beteiligten wussten, dass sie nicht auf die Liste gehörten. So kamen rund vierzig bis fünfzig Menschen frei, darunter Familien mit italienischer Staatsangehörigkeit.

Ein Fall ging noch weiter. Albert Franko saß bereits in einem Transport in Richtung Auschwitz, als Ülkümen davon erfuhr, dass dessen Frau türkische Papiere besaß. Er intervenierte, während der Zug sich noch auf griechischem Gebiet befand, und Franko wurde herausgeholt. Solche Eingriffe waren nicht durch Weisungen aus Ankara gedeckt. Ülkümen handelte in diesen Wochen aus eigenem Antrieb, ohne Rückversicherung, und er wusste, dass ihm das die Karriere kosten konnte. Wer sich mit Rettungsgeschichten beschäftigt, stößt immer wieder auf diesen Punkt: Entscheidend war selten der große Plan, sondern die Bereitschaft, den eigenen Ermessensspielraum bis zum Anschlag auszureizen.

Der Preis

Am 18. Februar 1944 wurde das türkische Konsulat auf Rhodos bei einem Bombenangriff getroffen. Mihrinissa Ülkümen wurde schwer verletzt und starb kurz darauf, nachdem sie ihren Sohn Mehmet zur Welt gebracht hatte. Zwei Konsulatsangestellte kamen ebenfalls ums Leben. In der türkischen und in einem Teil der deutschen Überlieferung gilt dieser Angriff als Vergeltung der Wehrmacht für Ülkümens Verhalten. Neuere Recherchen weisen darauf hin, dass die Bombardierung zeitlich vor der Deportation lag und vermutlich zu einem britischen Luftangriff auf den Hafen gehörte. Wir halten diesen Widerspruch für wichtig genug, ihn zu benennen, statt ihn wegzulassen. An der Tatsache, dass Ülkümen seine Frau verlor und die Deutschen ihn anschließend von der Insel entfernten, ändert die Debatte nichts.

Nach der Ausweisung brachte man ihn nach Piräus und hielt ihn dort bis Kriegsende fest. Sein Sohn wuchs zunächst bei Verwandten auf. Am 2. August 1944 brach die Türkei die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab, wenige Tage nach der Deportation aus Rhodos. Nach dem Krieg setzte Ülkümen seine Laufbahn fort und sprach über die Ereignisse jahrzehntelang kaum. Auf die Frage, was ihn zum Helden gemacht habe, soll er geantwortet haben, er habe lediglich seine Pflicht als Mensch erfüllt. Solche Sätze klingen bescheiden, sind aber auch eine Form von Abwehr: Viele Retterinnen und Retter wollten nach 1945 nicht ständig darauf reduziert werden.

Anerkennung, spät und deutlich

Am 12. Dezember 1989 erkannte Yad Vashem Selahattin Ülkümen als Gerechten unter den Völkern an, im Jahr darauf wurde ihm in Jerusalem die Ehrung überreicht und ein Baum gepflanzt. Er ist bis heute der einzige türkische Staatsbürger mit dieser Auszeichnung, was regelmäßig zu Missverständnissen führt. Andere türkische Diplomaten wie Necdet Kent oder Namık Kemal Yolga haben ebenfalls Menschen geholfen, wurden aber vom türkischen Außenministerium geehrt und nicht von Yad Vashem. 2001 erhielt Ülkümen gemeinsam mit ihnen eine staatliche Auszeichnung in Ankara. Er starb am 7. Juni 2003 in Istanbul im Alter von 89 Jahren. Noch im selben Jahr wurde in Istanbul eine Gedenktafel eingeweiht, 2012 trug eine Grundschule in Van seinen Namen.

Uns interessiert an dieser Biografie weniger das Denkmal als die Übertragbarkeit. Ülkümen hatte keine Waffen, keine Organisation und keinen Auftrag. Er hatte einen Schreibtisch, ein Siegel und die Frage, wie weit er gehen wollte. Wenn wir mit Schulklassen arbeiten, ist das der Punkt, an dem Gespräche kippen, weil Jugendliche merken, dass es hier nicht um Heldenmut im Film geht, sondern um Entscheidungen im Beruf. Diese Übertragung machen wir bewusst vorsichtig, denn historische Situationen lassen sich nicht eins zu eins auf heute legen. Mehr zu unseren Formaten finden Sie unter Dialog und Bildung, und wer wissen will, warum unser Verein einen zweiten Namen trägt, liest weiter bei Yitzhak Sarfati.