Warum unser Verein den Namen eines Rabbiners aus dem 15. Jahrhundert trägt
Yitzhak Sarfati war Oberrabbiner von Edirne, der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Sein Beiname verrät seine Herkunft, denn Sarfati bedeutet im Hebräischen so viel wie der Franzose und wurde für Familien verwendet, die aus dem westlichen Europa stammten. Seine Familie kam aus dem deutschsprachigen Raum, er selbst wuchs bereits im Osmanischen Reich auf und kannte damit beide Welten. Genau das machte ihn zum idealen Absender jenes Schreibens, das er um die Mitte des 15. Jahrhunderts an jüdische Gemeinden in Deutschland, Ungarn, Mähren und der Steiermark richtete. Die Lage dort war katastrophal: Vertreibungen aus Städten, Zwangsabgaben, Ritualmordlegenden und Pogrome bestimmten den Alltag. Sarfati schrieb nicht als Theologe, sondern als jemand, der eine praktische Alternative anzubieten hatte.
Was in dem Brief stand
Der Inhalt lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, auch wenn die Sprache des Originals blumiger ist. Sarfati beschrieb das Osmanische Reich als ein Land, in dem es an nichts fehle, in dem Juden ihren Beruf ausüben, Häuser besitzen und Synagogen unterhalten könnten. Er wies darauf hin, dass der Weg ins Heilige Land über osmanisches Gebiet offenstehe, was für viele fromme Familien das entscheidende Argument war. Und er stellte die unangenehme Frage, warum man in Ländern bleibe, in denen man wie Vieh behandelt werde, wenn ein anderer Weg möglich sei. Historikerinnen streiten darüber, wie viele Menschen wegen dieses Briefes tatsächlich aufgebrochen sind, denn Migration hat immer mehrere Ursachen. Unstrittig ist, dass der Text zirkulierte, abgeschrieben wurde und über Generationen im Gedächtnis blieb.
Für uns ist der Brief aus einem anderen Grund wichtig. Er dreht die gewohnte Blickrichtung um. In der deutschen Erinnerungskultur ist die Türkei meistens ein Herkunftsland von Arbeitsmigration ab 1961, und Juden erscheinen als Verfolgte in Europa. Hier haben wir eine Konstellation, in der Menschen aus deutschen Städten fliehen und in Anatolien und auf dem Balkan Schutz finden. Wenn wir das in Schulen erzählen, wird es meistens still. Diese Umkehrung ist kein rhetorischer Trick, sondern schlicht das, was in den Quellen steht.
1492 und die Jahrhunderte danach
Vier Jahrzehnte nach Sarfatis Schreiben kam die große Bewegung. 1492 vertrieben die katholischen Könige die Jüdinnen und Juden aus Spanien, kurz darauf folgte Portugal. Sultan Bayezid II. schickte Schiffe und nahm die Vertriebenen auf, angeblich mit dem spöttischen Kommentar, der spanische König verarme sein eigenes Land und bereichere das seine. Ob er das wirklich gesagt hat, weiß niemand. Sicher ist, dass sich in Saloniki, Istanbul, Izmir, Bursa, Safed und eben auch auf Rhodos sephardische Gemeinden bildeten, die das Wirtschaftsleben und die Gelehrsamkeit des Reiches über Jahrhunderte mitprägten. Sie brachten Druckerpresse, medizinisches Wissen und Handelsnetze mit. Ihre Sprache, das Judenspanische oder Ladino, wurde bis ins 20. Jahrhundert in Familien gesprochen, und in einzelnen Zeitschriften und Radiosendungen lebt sie bis heute weiter.
Kein Paradies, aber ein anderer Rahmen
An dieser Stelle ist Ehrlichkeit wichtiger als eine schöne Erzählung. Das Osmanische Reich war keine Gesellschaft der Gleichberechtigung. Juden und Christen galten als geschützte Gemeinschaften, zahlten eine gesonderte Kopfsteuer, unterlagen Kleidungsvorschriften und konnten vor Gericht nicht immer gegen Muslime aussagen. Ihre Gemeinden regelten Familienrecht, Bildung und Steuern intern, was Autonomie bedeutete, aber eben auch Sonderstatus. Wer das mit heutigen Maßstäben misst, findet Diskriminierung. Wer es mit dem Europa derselben Epoche vergleicht, findet Rechtssicherheit, Erwerbsmöglichkeiten und die Abwesenheit systematischer Vertreibungen. Beide Befunde stimmen gleichzeitig, und wir tragen sie in unseren Veranstaltungen auch gleichzeitig vor.
Ebenso wenig lassen wir aus, was im 20. Jahrhundert geschah. Die Pogrome in Thrakien 1934, die Vermögenssteuer Varlık Vergisi von 1942, die Nichtmuslime wirtschaftlich ruinierte, und die Ausschreitungen von Istanbul 1955 gehören zur Geschichte der Republik. Nach 1948 wanderte ein großer Teil der türkischen Jüdinnen und Juden nach Israel aus, heute leben noch etwa fünfzehntausend in der Türkei, die meisten in Istanbul. Der Anschlag auf die Neve-Schalom-Synagoge 1986 und die Anschläge von 2003 haben tiefe Spuren hinterlassen. Wenn wir von türkisch-jüdischer Freundschaft sprechen, meinen wir keine ungebrochene Idylle, sondern eine Beziehung mit Brüchen, die trotzdem gehalten hat.
Von Edirne nach Rhodos
Die Linie von Sarfati zu Selahattin Ülkümen ist keine Konstruktion. Die Gemeinde, deren Angehörige Ülkümen 1944 türkische Papiere ausstellte, war genau jene sephardische Gemeinde, die im Gefolge von 1492 auf Rhodos gewachsen war. Viele Familien dort sprachen Ladino, viele hatten osmanische Vorfahren, manche hatten die Staatsangehörigkeit erst nach 1923 verloren. Ohne die Aufnahmegeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts hätte es die juristische Handhabe gar nicht gegeben, mit der Ülkümen argumentierte. Vierhundertfünfzig Jahre später wurde aus einem Einladungsschreiben ein Rettungsargument. Diese Verbindung ist der Grund, warum beide Namen zusammen auf unserem Briefkopf stehen und nicht nur einer. Wie die Gemeinde auf Rhodos endete, lesen Sie unter Rhodos 1944.
Bleibt die Frage, was man mit einer so alten Geschichte heute anfängt. Wir benutzen sie nicht als Beweis dafür, dass alles gut wird. Wir benutzen sie als Beleg dafür, dass die Beziehung zwischen Musliminnen und Juden nicht erst 1948 oder 1967 beginnt und dass sie sehr unterschiedliche Kapitel hat. Wer nur die letzten Jahrzehnte kennt, hält Konflikt für den Normalzustand. Wer sechs Jahrhunderte überblickt, sieht Konjunkturen, Handlungsspielräume und Menschen, die sich entschieden haben. Das nimmt nichts weg von aktuellen Problemen, aber es verändert den Ton, in dem man über sie spricht. Wie wir diesen Ton in Schulen und Gemeinden weitergeben, steht unter Dialog und Bildung.