Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft Türkisch-Jüdische Gesellschaft e.V.

Historischer Ort · Dodekanes

Rhodos 1944: das Ende einer zweitausend Jahre alten Gemeinde

Zwischen dem ersten Meldebefehl und der Ankunft an der Rampe von Birkenau lagen keine vier Wochen. Was auf dieser Insel geschah, ist in Deutschland kaum bekannt, obwohl deutsche Stellen es angeordnet und durchgeführt haben.

Was im Sommer 1944 auf Rhodos geschah

Rhodos liegt näher an der türkischen Küste als an Athen, und das erklärt einen Großteil seiner Geschichte. Jüdisches Leben ist auf der Insel seit der Antike belegt, spätestens seit hellenistischer Zeit. Nach der osmanischen Eroberung 1522 wuchs die Gemeinde stark, weil sephardische Familien aus Spanien und Portugal Zuflucht suchten und sich hier niederließen. Sie sprachen Ladino, führten Handel in alle Häfen der Levante und bauten ein Viertel, das noch heute La Juderia heißt. Die Synagoge Kahal Schalom stammt aus dem Jahr 1577 und ist die älteste erhaltene Synagoge Griechenlands. Wer durch die engen Gassen der Altstadt geht, läuft über Kieselmosaike, die dort seit Jahrhunderten liegen.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten rund viertausend Jüdinnen und Juden auf Rhodos. Dann kam 1912 die italienische Herrschaft, zunächst mit relativ liberalen Regeln, ab 1938 mit den faschistischen Rassengesetzen. Viele Familien verließen die Insel in Richtung Tanger, Kongo, Rhodesien oder Südamerika, und diese Auswanderung rettete ihnen später das Leben. Zurück blieben etwa 1.700 bis 1.900 Menschen, meist die Ärmeren und die Älteren, also jene, die keine Verwandten im Ausland und kein Geld für die Überfahrt hatten. Als Italien im September 1943 kapitulierte, übernahm die Wehrmacht die Kontrolle über den Dodekanes. Ab diesem Moment lag die Zuständigkeit für alle Maßnahmen bei deutschen Dienststellen.

Der Ablauf, Tag für Tag

Die Deportation begann mit einer Verwaltungshandlung, wie fast immer. Am 18. Juli 1944 mussten sich alle jüdischen Männer ab sechzehn Jahren bei der Kommandantur melden, angeblich zur Registrierung für Arbeitseinsätze. Sie wurden festgehalten, und am folgenden Tag wurden ihre Frauen und Kinder aufgefordert, Papiere und Wertsachen zu bringen, wenn sie ihre Angehörigen wiedersehen wollten. Das funktionierte, weil niemand sich vorstellen konnte, was tatsächlich geplant war. Wenige Tage später brachte man die Menschen an den Hafen und verlud sie auf drei kleine Frachtkähne. Die Fahrt über Kos nach Piräus dauerte bei großer Hitze mehr als eine Woche, ohne ausreichend Wasser, und schon auf dieser Etappe starben Menschen.

Zeittafel Rhodos, von der osmanischen Zeit bis zur Erinnerung heute
ZeitpunktEreignis
1522Osmanische Eroberung der Insel, Zuzug sephardischer Familien nach der Vertreibung aus Spanien
1577Bau der Synagoge Kahal Schalom, bis heute die älteste erhaltene Synagoge Griechenlands
1912Italien übernimmt den Dodekanes, die Gemeinde zählt rund viertausend Mitglieder
1938Faschistische Rassengesetze, große Auswanderungswelle nach Afrika und Amerika
September 1943Nach der italienischen Kapitulation besetzt die Wehrmacht die Insel
18./19. Juli 1944Meldebefehl für Männer, danach für Frauen und Kinder
23. Juli 1944Verschiffung der Gemeinde in Richtung Piräus, Zwischenstopp auf Kos
Anfang August 1944Ankunft in Piräus, Internierung im Lager Chaidari bei Athen
16. August 1944Ankunft des Transports in Auschwitz-Birkenau, sofortige Selektion
1989/1990Yad Vashem ehrt Selahattin Ülkümen als Gerechten unter den Völkern
seit 1997Jüdisches Museum neben der Synagoge, Gedenkstätte am Platz der jüdischen Märtyrer

In Piräus kamen die Überlebenden der Schiffsfahrt in das Lager Chaidari, gemeinsam mit knapp hundert Deportierten von der Insel Kos. Von dort ging es in Güterwagen quer durch den Balkan nach Auschwitz-Birkenau, wo der Transport nach heutigem Forschungsstand am 16. August 1944 eintraf. Es war einer der längsten Transportwege der gesamten Schoa, rund dreitausend Kilometer über See und Schiene. Von den etwa 1.700 Deportierten überlebten ungefähr 150 Menschen. Damit war eine Gemeinde erloschen, die zweitausend Jahre alt war und deren Grabsteine, Gebetbücher und Geschäftsbücher heute in Museen liegen.

Die Ausnahme im Konsulat

In genau diesen Tagen handelte der türkische Generalkonsul Selahattin Ülkümen. Er berief sich auf die Neutralität seines Landes und auf das türkische Staatsangehörigkeitsrecht, das Ehepartner von Staatsbürgern einschließt, und erreichte die Freilassung von rund vierzig bis fünfzig Menschen. Nur ein Bruchteil davon besaß wirklich gültige türkische Papiere. Diese Zahl wirkt neben 1.700 klein, und wir stellen sie trotzdem nicht klein dar. Für jede dieser Familien war es der Unterschied zwischen Leben und Tod, und es gab auf dieser Insel niemanden sonst, der es auch nur versucht hätte. Historisch bemerkenswert ist außerdem, dass es überhaupt einen Verhandlungsspielraum gab, weil das Deutsche Reich einen offenen Konflikt mit Ankara vermeiden wollte.

Warum diese Geschichte in Deutschland fehlt

Fragen Sie in einer beliebigen Schulklasse nach Deportationen, und Sie hören Namen wie Warschau, Amsterdam oder Saloniki. Die Ägäisinseln kommen praktisch nie vor. Das hat mehrere Gründe. Die Opfer sprachen Ladino und Italienisch, ihre Nachkommen leben heute in Israel, den USA oder Südafrika, und in Deutschland gab es lange niemanden, der ihre Geschichte erzählt hätte. Außerdem passt Rhodos nicht in die vertraute Erzählung, weil hier Deutsche im Sommer 1944 eine Gemeinde vernichteten, die kulturell näher an Istanbul lag als an Berlin. Genau deshalb gehört dieses Thema zu unserer Arbeit. Wenn Sie Material für den Unterricht suchen oder eine Veranstaltung planen, finden Sie unsere Angebote unter Dialog und Bildung.

Was heute übrig ist

In der Altstadt von Rhodos erinnert der Platz der jüdischen Märtyrer an die Deportierten, benannt nach den Menschen, die von hier weggebracht wurden. Ein Denkmal mit mehrsprachigen Inschriften steht auf dem Pflaster, und wenige Meter weiter arbeitet das jüdische Museum neben der Synagoge Kahal Schalom. Die Gemeinde selbst besteht nur noch aus einer Handvoll Menschen, im Sommer kommen Nachkommen aus dem Ausland zu Besuch. Wer dort steht, merkt schnell, dass Erinnerung keine abstrakte Angelegenheit ist, sondern an Straßen, Häuser und Namen gebunden bleibt. Wir organisieren gelegentlich Reisen dorthin und beraten Gruppen, die auf eigene Faust fahren wollen. Die längere Vorgeschichte dieser Gemeinde, also ihre Herkunft aus dem Osmanischen Reich, lesen Sie unter Yitzhak Sarfati.